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Konzertfotografie in der Praxis – Wertvolle Tipps von Matthias Rethmann

Wechselndes Bühnenlicht, unvorhersehbare Bewegungen und enge Platzverhältnisse: Die Live- und Konzertfotografie gehört zu den technisch anspruchsvollsten Disziplinen. Wer sich hier rein auf Kameraautomatiken oder Dauerfeuer verlässt, stößt schnell an Grenzen.

Wie ein professioneller Arbeitsablauf hinter den Kulissen aussieht, zeigt der Fotograf Matthias Rethmann in unserem Video-Begleitbericht bei einem Konzert des Percussion-Ensembles Greenbeats.

In diesem Leitfaden erfahrt ihr, mit welchen Einstellungen ihr scharfe Bilder liefert, welches Equipment sich auf der Bühne bewährt und wie ihr euch als Fotografen unaufdringlich im Hintergrund bewegt.

Greenbeats Konzertfotografie - Behind the Scenes mit Matthias Rethmann!
Liveview der Kamera, ausgerichtet auf die leere Konzertbühne.

Kameraeinstellungen – Die volle Kontrolle im manuellen Modus

Auf der Bühne ändert sich die Lichtsituation oft im Sekundentakt. Belichtungsautomatiken reagieren auf Scheinwerferkegel oder dunkle Hintergründe meist fehlerhaft und liefern schwankende Ergebnisse. Matthias Rethmann setzt daher auf 100 % manuelle Belichtungskontrolle.

Der M-Modus als Standard

Belichtung, Blende und ISO solltet ihr manuell festlegen. Einzig der Autofokus läuft automatisch, um schnelle Motive präzise zu verfolgen.

  • Verschlusszeit: Die magische Untergrenze für dynamische Shows liegt bei 1/250. Gerade bei percussionlastigen Auftritten wie den Greenbeats verwischen Hände und Schlagzeugstöcke bei längeren Zeiten (etwa 1/125s oder 1/60s) unweigerlich.
  • Blende: Setzt auf Offenblende (z. B. f/1.2 bis f/2.8). Das sorgt für maximalen Lichteinfall und eine saubere Trennung des Hauptmotivs vom oft unruhigen Bühnenhintergrund.
  • ISO: Passt den ISO-Wert an das verbleibende Restlicht an. Moderne Sensoren bewältigen höhere ISO-Werte ohne störendes Bildrauschen. Ziel bleibt es dennoch, den Wert so niedrig wie möglich zu halten, um den Dynamikumfang zu wahren.
Matthias Rethmann erklärt die wichtigsten Kameraeinstellungen.

Matthias Rethmann zur Belichtung:

„Ich mache alles manuell, die einzige Automatik ist der Autofokus. Ich will die komplette Kontrolle über das Bild haben. Wenn mir plötzlich die Blende wegrauscht oder der ISO-Wert steil hochgeht, habe ich eine ganz andere Tiefenwirkung oder ein verrauschtes Bild, das ich gar nicht haben wollte.“

Totale der Greenbeats Bühnenpräsenz.

Einzelschuss statt High-Speed-Dauerfeuer

Auch wenn moderne Systemkameras 20 oder mehr Bilder pro Sekunde aufnehmen können: Dauerfeuer erzeugt im Live-Einsatz vor allem enormen Aufwand bei der anschließenden Bildauswahl.

Matthias überträgt diese Technik aus der Reitsportfotografie direkt auf die Bühne. Ein gezielter Auslöser im Höhepunkt einer Bewegung schärft den Blick für die Performance und minimiert den Aufwand nach dem Event.

Matthias Rethmann über Timing und Auslöseverhalten:

„Die Zeit für Hunderte Serienbilder habe ich in der Nachbearbeitung gar nicht. Ich habe das früher in der Pferdefotografie trainiert: Bis zum Abwinken üben, genau im richtigen Augenblick abzudrücken. Wenn man den Moment trifft, wird das Ergebnis besser und man spart sich Stunden am Rechner.“

Matthias Rethmann schaut durch den Sucher der Kamera.

Stabilisierung über den Sucher

Nutzt zur Bildkomposition primär den elektronischen Sucher statt das Display. Durch das Anlegen der Kamera an das Auge entsteht zusammen mit beiden Händen eine stabile Drei-Punkt-Auflage. Das minimiert Verwacklungen bei längeren Brennweiten deutlich und stärkt die visuelle Verbindung zum Geschehen.

Matthias Rethmann hält seine Canon Kamera in den Händen.

Equipment-Setup – Lichtstärke und Redundanz

Ein Live-Event lässt sich nicht wiederholen. Fällt die Technik aus, ist der Job beendet. Daher steht die Zuverlässigkeit des Equipments an erster Stelle.

Die Backup-Kamera

Führt bei kommerziellen oder wichtigen Auftritten immer ein zweites Kameragehäuse mit. Matthias nutzt als Hauptkamera eine Canon EOS R5 Mark II und hat eine EOS R5 der ersten Generation als Backup-Kamera dabei. Ein zweiter Body ermöglicht zudem das parallele Nutzen zweier verschiedener Brennweiten (z. B. 50 mm und 70–200 mm), ohne auf der dunklen Bühne Objektive wechseln zu müssen.

Objektiv-Auswahl für die Bühne

Lichtstarke Festbrennweiten und durchgehend lichtstarke Zoom-Objektive decken alle Distanzen ab:

  • Lichtstarke Festbrennweiten (50 mm / 85 mm mit f/1.2 bis f/1.4): Ideal für lichtarme Passagen, Freistellung und Porträts der Musiker.
  • Telezoom (70–200 mm f/2.8): Der Standard für Distanzaufnahmen aus dem Publikum oder von der Empore.
  • Weitwinkel (15–35 mm f/2.8): Perfekt für Gesamtaufnahmen der Bühne, Dynamik im Nahbereich und Publikumseindrücke.

Matthias Rethmann zur Ausrüstung:

„Das ist Arbeitsmaterial – sehr hochwertiges Arbeitsmaterial, aber eben Arbeitsmaterial. Es muss absolut zuverlässig sein und immer treffen. Man muss aber auch nicht alles neu kaufen: Ältere EF-Objektive funktionieren mit Adapter an neuen Gehäusen ganz hervorragend.“

Das Kamera- und Objektiv-Equipment von Matthias Rethmann:

  • Kameras: Canon EOS R5 Mark II (Hauptkamera) und Canon EOS R5 (Backup-Gehäuse)
  • Objektive: RF 50 mm f/1.2, EF 70–200 mm f/2.8 (mit EF-RF-Adapter), RF 15–35 mm f/2.8 und EF 85 mm f/1.4
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Matthias Rethmann hockt unauffällig im Schatten beim Fotografieren des Greenbeats Auftritts.

Verhalten am Set – Als “Geist” auf der Bühne

Als Fotografen seid ihr Dienstleister und Gäste der Show. Die zahlenden Zuschauer sowie die Künstler stehen im Mittelpunkt.

  1. Farbwahl der Kleidung: Tragt ausschließlich dunkle Kleidung (Schwarz oder Dunkelgrau), um im Bühnenlicht und in den Schatten nicht als störender Fleck aufzufallen.
  2. Sichtachsen freihalten: Bewegt euch vor und auf der Bühne geduckt. Haltet euch vorwiegend in den Seitenbereichen oder im toten Winkel von Lichtquellen auf, um weder Zuschauern noch der Kamera-Crew die Sicht zu versperren.
  3. Kommunikation und Vertrauen: Baut vor der Show Kontakt zur Stage-Crew und den Musikern auf. Wenn die Band weiß, wer ihr seid, bewegt ihr euch auf der Bühne mit deutlich höherer Akzeptanz.

Matthias Rethmann zum Verhalten am Set:

„Das Publikum und die Künstler stehen immer an erster Stelle. Wir dürfen das Publikum nicht stören. Die Leute haben Geld für ein Seherlebnis bezahlt, deshalb muss man sich extrem unauffällig bewegen.“

Mathias Rethmann bespricht vor der Show den Ablauf mit einem Mitglied der Greenbeats.

Die 3-Show-Strategie für Touren und Festivals

Wer die Möglichkeit hat, eine Band oder eine Tournee über mehrere Auftritte hinweg zu begleiten, sollte planvoll vorgehen. Matthias Rethmann nutzt hierfür eine Drei-Stufen-Strategie:

Show 1: Orientierung & Ablaufanalyse

Lichtwechsel, Bewegungsmuster und Positionen einprägen.

Show 2: Gezielte Key-Momente & Close-ups

Bekannte Positionen anlaufen, Wunschmotive punktgenau treffen.

Show 3: Totalen, Publikum & Puffer

Große Weitwinkel-Shots, Crowd-Reaktionen, Sicherheits-Shots.

Matthias Rethmann zur Tour-Strategie:

„Wenn ich die Möglichkeit habe, frage ich bei größeren Shows immer nach drei Durchläufen. Die erste Show ist zum Kennenlernen: Wann passiert was wo? In der zweiten Show laufe ich gezielt die Spots an und liefere die Wunschmotive der Band. Die dritte Show nutze ich als Puffer und für die ganz großen Weitwinkel-Shots.“

Bühnenauftritt der Greeanbeats.

Unser Fazit

Konzertfotografie erfordert das feine Zusammenspiel aus verlässlicher Technik, exaktem Timing und rücksichtsvollem Auftreten. Wie Matthias Rethmann zeigt, entsteht ein ausdrucksstarkes Live-Foto selten durch Zufall oder ungezielte Bildserien, sondern durch die bewusste Kontrolle aller Parameter – von der manuellen Belichtung bis hin zur unaufdringlichen Positionierung auf der Bühne. 

Wenn ihr die technischen Grundlagen beherrscht und mit einer klaren Struktur an die Show herangeht, sichert ihr euch selbst unter herausfordernden Lichtbedingungen verlässlich gute Ergebnisse.

  • Verschlusszeit fixieren: Mindestens 1/250s wählen, um Bewegungsunschärfe bei schnellen Aktionen zu vermeiden.
  • Manuell belichten: Volle Kontrolle über Blende, ISO und Verschlusszeit behalten; nur den Autofokus automatisch laufen lassen.
  • Auf Offenblende setzen: Maximale Lichtausbeute bei möglichst niedrigen ISO-Werten sichern.
  • Unauffällig agieren: Dunkle Kleidung tragen, Sichtlinien des Publikums respektieren und sich als unsichtbarer Beobachter bewegen.
  • Vorausdenken: Gutes Timing schlägt ungezieltes Serienbild-Dauerfeuer.

Über Matthias Rethmann

Matthias Rethmann verbindet über zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Fotografie mit seiner Vergangenheit als professioneller Musiker. Durch zahlreiche Konzerttourneen kennt er Events aus unterschiedlichsten Perspektiven – vor, auf und hinter der Bühne – und weiß, wie man sich flexibel auf Menschen, Situationen und besondere Momente einstellt. Heute setzt er diese Erfahrung für namhafte Kunden ein und schafft emotionale, hochwertige Eventfotografie mit einem besonderen Gespür für Menschen, Atmosphäre, Architektur und Licht.